Gibt es den idealen Zeitpunkt für ein Kind?

Silke Faust

Ein Interview mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort zum Thema Alter und Kinder – und ein Gespräch mit zwei Expertinnen, die wissen, warum Mütter effizienter arbeiten.

http://platform.twitter.com/widgets/tweet_button.ff7d9077a26377d36b6a53b1a95be617.de.html#_=1419851031745&count=horizontal&id=twitter-widget-0&lang=de&original_referer=http%3A%2F%2Fwww.emotion.de%2Fde%2Fkind-karriere%2Fmutter-und-beruf-3995&size=m&text=Gibt%20es%20den%20idealen%20Zeitpunkt%20f%C3%BCr%20ein%20Kind%3F%20-%20Ein%20Interview%20zum%20Thema%20%22Alter%20und%20Kinder%22%20und%20ein%20Gespr%C3%A4ch%20zu%20%22M%C3%BCtter%20im%20Berufsleben%22.%20-%20emotion.de&url=http%3A%2F%2Fwww.emotion.de%2Fde%2Fkind-karriere%2Fmutter-und-beruf-3995
Drucken Versenden

(Foto: clipart.com)

EMOTION: Trifft das Klischee zu, dass Mütter mit zwanzig selbst noch halbe Kinder sind und deshalb noch nicht reif für die Rolle als Mutter?

Prof. Schulte-Markwort: Generell werden junge Mütter stärker aus ihrem Leben gerissen als späte Mütter. Sie stehen erst am Anfang ihres Erwachsenenlebens, haben oft noch keine Ausbildung abgeschlossen, und während ihre Freunde auf Partys gehen, verbringen sie die Nächte mit Stillen und Windeln wechseln. Viele sind total überfordert, sehr junge Frauen sind manchmal fast so hilflos wie das Baby. Die meisten haben sich auch noch nicht ernsthaft in einer Partnerschaft ausprobiert, es sei denn, sie heiraten ihre Sandkastenliebe.

Beeinflusst es aus psychologischer Sicht die Entwicklung eines Kindes, wenn eine Mutter sehr jung ist?

Eine sehr frühe Schwangerschaft gilt als ein Risikofaktor dafür, dass Kinder Verhaltensprobleme entwickeln. Bei Müttern, die 16 bis 21 Jahre alt sind, steigt das Risiko um das Zwei- bis Vierfache, dass ihre Kinder psychisch auffällig werden.

Lässt sich dagegen etwas tun?
Man könnte untersuchen, wie psychisch belastbar eine Risikomutter ist, um sie bei Bedarf frühzeitig zu unterstützen.

Sind junge Mütter oft übertrieben vorsichtig oder trifft das eher auf späte Mütter zu?
Übertriebene Fürsorge ist eindeutig älteren Müttern zuzuschreiben. Sie gelten als over protective, als überbesorgt. Allein die Lebenserfahrung macht sie schon vorsichtiger. Jüngere Mütter sind sich dagegen vieler Risiken gar nicht bewusst. Dafür sind sie streng.

Die jungen Mütter?
Ja, sie können unglaublich streng sein. Sie halten sich an Regeln fest, sind wenig bis gar nicht tolerant und fordern von ihren Kindern sehr früh, selbstständig zu sein. Späte Mütter sind wesentlich großzügiger.

Geht mit der Strenge auch einher, dass sie ihr Kind zu guten Leistungen anspornen?
Das lassen jüngere Mütter eher mal schleifen, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass sie eine hohe Selbstständigkeit erwarten. Dadurch macht sich eine Art Wurschtigkeit breit, nach dem Motto „Mach deinen Kram doch selbst“. Was im schlimmsten Fall zur Verwahrlosung des Kindes führen kann. Ältere Mütter sind dagegen bei ihren Erziehungsmaßnahmen längst nicht so streng, aber umso ehrgeiziger, was die Leistungen des Kindes betrifft.

Wer gilt heute eigentlich als junge Mutter?
Das ist eine 20-Jährige.

Sind die heute vielleicht unreifer als noch vor ein paar Generationen?
Die Adoleszenz breitet sich aus, und wir schauen besorgt auf junge Mütter. Früher war es normal, jung Mutter zu sein. Allein schon wegen der geringeren Lebenserwartung von etwa 58 Jahren. Heute werden Kinder in mancher Hinsicht zwar viel schneller erwachsen und erleben viele Dinge früher, was sie aber nicht automatisch reifer dafür macht, Mutter zu sein. Emotionale und soziale Unreife gekoppelt mit psychischer Verzichtsleistung führt zur Unreife junger Mütter. Außerdem wachsen Kinder heute viel behüteter und mit teilweise übertriebener Fürsorge auf, was ihre Entwicklung verlangsamt.

Aber wenn man jung ist, sprüht man da nicht nur so vor Energie?
Ja, man hat in dem Alter normalerweise mehr Energie. Eine junge Mutter braucht diese aber auch. Sie muss viel mehr Energie aufbringen als die späte Mutter, weil sie alles unter einen Hut bringen will: Kinder, Partys, ihre Position in verschiedenen Lebensbereichen, ihre eigenen Interessen und die der Kinder. Damit setzt sie sich einem immensen Druck aus, der viel Kraft kostet.

Aber sie steckt das Schlafdefizit ja auch besser weg.
Ein Schreibaby kann jede Mutter bekommen, egal welchen Alters sie ist. Ich bin sicher, dass eine gute Mutter so für sich selbst sorgen wird, dass sie ihr Schlafdefizit im Sinne ihres Kindes wieder ausgleicht. Mit Abstand am besten stecken eindeutig die 30-Jährigen ihr Schlafdefizit weg. Viel schlechter können es die 20-Jährigen, die es eigentlich gewohnt sind, bis 11 Uhr morgens auszuschlafen. Und die 40-Jährigen, weil ihre Kraftreserven einfach schneller aufgebraucht sind.

Wachsen Kinder von jungen Müttern anders auf, weil die näher dran sind am aktuellen Leben?
Ältere Mütter sind genauso nah dran. Schauen Sie sich doch nur die heute Vierzigjährigen mal an. Sie stehen den Moden und der Technik genauso aufgeschlossen gegenüber. Und geben das auch genauso an ihre Kinder weiter. Ich sehe da keinen Unterschied. Und von geistig reifen und ausgeglichenen Eltern können Kinder doch nur profitieren.

Das Leben mit Kind verlangt Müttern Veränderungen in allen Lebensbereichen ab und fordert sie unablässig. Sind Mütter über vierzig weniger flexibel?

Nein, im Gegenteil. Späte Mütter sind sehr flexibel, vorausgesetzt, es handelt sich um ein Wunschkind. Dafür geben viele sogar ihre Karriere gern auf.

Ältere Mütter haben jungen Müttern also einiges voraus?
Durchaus. Eine späte Mutter hat sich selbst gefunden. Sie ist fertig mit der Ausbildung, hat in der Regel ihren Beruf ausgeübt und ihr Leben genossen. Sie tauscht das Kind gegen die Karriere und trifft damit eine bewusste Entscheidung. Mir fällt auf, dass späte Mütter von ganz viel Freude und Gelassenheit erfüllt sind. Sie sehen das Kind als Bereicherung und sind fröhlicher im Umgang mit dem Kind als junge Mütter.

Wenn Kinder klagen, dass sie zu Hause nur leise spielen dürfen, sind das eher Kinder von „alten Eltern“?

Lärm kann sicherlich mal nerven. Doch so etwas ist kein echtes Problem, weder für junge noch für späte Mütter. Aber Jüngere werden schneller ungeduldig, weil es ihnen noch an psychischer Flexibilität fehlt.

Wie fühlen sich Kinder, wenn ihre Eltern leicht für ihre Großeltern gehalten werden können?
Das ist mir in der Praxis selbst schon passiert. Doch Kinder nehmen den Altersunterschied nicht so wahr. Letztendlich ist es die Beziehung zu den Eltern, auf die es ankommt.

Es ist Kindern nicht peinlich?
Die vorpubertäre Phase und die Pubertät sind eine sehr verwundbare Zeit. Jugendliche lösen sich von den Eltern. Da kann eine junge Mutter genauso peinlich sein wie eine ältere. In meiner Praxis gibt es einen Jungen, der es toll findet, dass sein Vater nachmittags zu Hause bei den Schularbeiten helfen kann, weil er pensioniert ist. Aber was zu Hause begrüßt wird, muss draußen noch lange nicht zutreffen. Eltern können ihren Kindern grundsätzlich peinlich sein. Dennoch muss ein Vater um die 70 eher damit rechnen.

Bringen Kinder alten Eltern mehr Respekt entgegen – und passen sich folglich besser im Leben an?
Respekt äußert sich unabhängig vom Alter der Eltern. Binden Eltern ihre Kinder in eine sichere und stabile Beziehung ein und begegnen sie ihnen selbst authentisch und mit Respekt, schafft das die Voraussetzung dafür, dass die Kinder genauso auf ihre Eltern antworten.

Aber das Alter der Mütter prägt auch das Sozialverhalten ihrer Kinder?
Junge Mütter haben keinen gleich bleibenden Erziehungsstil. Sie sind sehr inkonsistent. Das trägt dazu bei, dass Kinder von ganz jungen Müttern häufiger sozial auffällig werden. Es fällt ihnen schwerer, sich an Regeln zu halten, viele sind übermäßig aggressiv und oft nicht gruppenfähig. Reifere Mütter sind in der Regel konsequenter bei der Erziehung, und sie geben Stress oder Anspannung nicht gleich eins zu eins an ihr Kind weiter.

Andersherum betrachtet, halten Kinder späte Mütter nicht auch jung?
Es ist für alle Eltern grundsätzlich eine große Herausforderung, Kinder großzuziehen. Ältere Mütter bleiben dabei sicherlich länger körperlich als auch geistig fit.

Ab welchem Alter gilt man aus medizinischer Sicht denn als späte Mutter?
Ab 40 Jahren. Aus gynäkologischer Sicht schon ab 38, weil das Risiko viel höher ist, Kinder mit einem Down-Syndrom auf die Welt zu bringen.

Welches Alter für die Schwangerschaft würden Sie einer Frau empfehlen, die ein Kind möchte?
Ich würde das nicht ausschließlich am Alter festmachen. 25 kann genauso gut sein wie 30. Entscheidend ist, dass eine Frau ihre Ausbildung abgeschlossen hat und die Fähigkeit besitzt, verzichten zu können. Gut ist, wenn sie sich bereits selbst entdeckt und einen Lebensplan entworfen hat. Ist eine Frau zusätzlich noch eine bindungsfähige Partnerschaft eingegangen, ist der ideale Zeitpunkt für ein Kind gekommen.

HIER GEHT’S WEITER – ZUM INTERVIEW „MÜTTER SIND EFFIZIENTER IM BERUF!“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s